Saturday, May 2, 2009

noli me tangere

Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in Mir

Um zu halten was ich verspreche, breche ich mir grad die Finger. Gestern also in der Kirche der Angst, ein Fluxus Oratorium, gewesen. Und mehr als WAS wird es nicht. Denn WAS soll man dazu auch sagen, wenn da ein Mensch seine Krankheit, sein (noch)Leben und seinen (bevorstehenden) Tod inszeniert. Christoph Schlingensiefs Inszenierung hinterlässt ein WAS. Was dazu sagen, was denken, was versuchen, WAS TUN?
Aber es ist ein großartiges WAS. Ein medial völlig überforderndes WAS, bei dem er durch die (Kunst)Geschichte springt: Nam Jun Paik und Charlotte Moorman anruft, Valie Export neuinszeniert, die religiöse Bildgeschichte durchdekliniert, sich selbst sprechen lässt, Wagner einen vergammelnden Hund unterstreicht, Mahler trällert, er seine katholische Beerdigung feiert, obwohl, das dann doch wieder/noch nicht - play, pause, rewind, play, forward. Das Stück stoppt, alles läuft rückwärts, Schauspieler runter von der Bühne, Vorhang zu, dann wieder auf: nochmal versuchen, nochmal anders. Wenn das nicht gelingt, wird an anderer Stelle wieder eingesetzt. Die Schauspielerinnen lesen Schlingensiefs Texte, immer wieder von seiner Angst, seinen Vorwürfen gegen sich selbst und andere und die Diagnose des Arztes (nachzulesen in: So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!), man sieht seine Kinderfilme, wie er mit dem Opa am Strand spielt, dann ein behinderter Christus, Jonathan Meese ist zwischendrin auch noch dabei, Joseph Beuys - eh klar.
Keine Narration, keine Logik, kein Mitkommen, nur schwerwiegender, bedrückender Eindruck - ca. 50 Akteure, 6 Videoleinwände, 10 verschiedene Bühnenbilder, ein Schlagzeuger, ein Gospelchor, Priester, neun Filmprojektoren und zwei Opernsängerinnen. Mehr geht nicht. Schlingensief brüllt gegen die Uninszenierbarkeit des eigenen Todes an.

Es ist ja auch erstmal überraschend, wenn da kein Unterschied zwischen Christoph Schlingensief, dem privaten Kranken, und Christoph Schlingensief, dem öffentlichen Regisseur, gemacht wird. Und auch beklemmend offen, dass er seit Beginn seiner Krankheit alles aufnimmt oder mitfilmt. Ein Video zeigt ihn im Bett, wie er weinend wiederholt "Nicht berühren, niemand soll mich berühren". Ich frage mich, wieso er nicht "anfassen" sagt, was ja viel naheliegender und gebräuchlicher ist. Und dann diese direkte Verbindung zu Jesus' "Noli me tangere", die so offensichtlich ist - wann und wo hört die Inszenierung auf?
Das weiß auch das gestrige Theatertreffen Premierenpublikum nicht sofort, der Vorhang ist zu, das Licht an, aber der Applaus kommt spät und skeptisch. Nur zwei, drei "Bravo" Rufe gehen durch den Kirchensaal.

Und, für alle die jetzt doch / auch noch wollen - die Kirche der Angst steht Anfang Juni in Amsterdam. Mehr Infos hier. Schlingensiefs Readymade Oper Mea Culpa wird im Juni wieder am Wiener Burgtheater gezeigt.
Und natürlich für alle die nicht auf harten Kirchenbänken sitzen wollen - heute um 20:15 zeigt das 3sat eine filmische Annäherung an die Inszenierung.

3 Kommentare:

Lynn and Horst said...

hätte ich doch gerne auch gesehen

Mary said...

grad ergänzt, wird Anfang Juni nochmal in Amsterdam gezeigt

corirose said...

Dein Bericht ist sehr interessant. Ich habe "Eine Kirche der Angst" zwei Mal vergangenes Jahr im Rahmen der Ruhrtriennale gesehen und beide Male wurde die Produktion phrenetisch bejubelt und gefeiert und ich gehörte eher zu denjenigen, denen der Atem und die Klatschhände die ersten zwei Minuten noch völlig überfordert verstockten.

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