Tuesday, October 20, 2009

Wo führt diese Beziehung hin?

"Zu modisch für die Mode?"

Wohin Berlin die Mode führt oder wohin die Mode Berlin führt, um diese Fragen ging es gestern beim
"Zu modisch für die Mode?" im Babylon. Und auch wenn's hier, hier und hier schon besprochen wurde, gebe auch ich noch einen Kommentar ab: Das Podium war besetzt mit dem erfolgreichen Dirk Schönberger, dem durchblickenden Michael Werner von der TextilWirtschaftl, dem platzhirschigen Karl-Heinz Müller von der Jeanser-Messe Bread&Butter, der jung-unternehmerischen Leyla Piedayesh von Lala Berlin, und dem jungen Michael Sonntag, der aufgrund mehrerer Preise und seiner Show im Zelt in letzter Zeit immer wieder als Fürsprecher der ganz Jungen herhalten muss, auch wenn ihm die Rolle im Rampenlicht wenig liegt.

Der Moderator Lorenz Maroldt, Chefredakteur des Tagesspiegels, hatte es dann doch nicht so mit der Mode und schaffte es leider in der ersten Stunde nicht, mehr als ein Frage-Antwort, Frage-Antwort Spiel herzustellen. Was an seinen völlig banalen Fragen zwischen "Wie wichtig ist das städtische Umfeld?" an Karl Heinz Müller, "Gibt es einen Berliner Stil?" an Leyla Piedayesh und "Wie wichtig ist dir Arbeit?" an Michael Sonntag lag, die ich mir allesamt selbst beantworten konnte (Sehr, Jein, Total).
Nach allerlei Bauchpinselei, aus der nur Michael Werner ausbrach um mal ein wenig Kölner Kontra zu geben, machte ich mich schon fast bereit zu gehen, als dann der bis dahin sehr verhaltene Michael Sonntag, dem ich diese Paraderolle nun wirklich nicht zugetraut hätte, mal den Mund gegen Müller, den liberalen Wirtschaftler, dem wenig mehr als sein Geschäft bedeutete, den Mund aufmachte. Er verwies auf die mangelnde staatliche oder private, finanzielle und beratende Förderung in Berlin und Leyla Piedayesh nahm im Nebensatz auch die Bread&Butter in die Pflicht. Karl Heinz Müller watschte das bekannt elitär ab: "Also wenn jeder nach Förderung schreit... Ein gutes Produkt findet schon seine Investoren... Und, außerdem gibt es unter den tausenden Modestudenten einfach zu viele schlechte." An dieser Stelle wäre, nach dem bisherigen Verlauf, die nächste Frage des Moderators gekommen, wenn nicht Michael Sonntag eingeworfen hätte, dass die Berliner Talente aus diesem Grund dann ins Ausland gehen. Karl Heinz machte dazu nur das Statement "Auslandserfahrung tut immer gut."

Leider kam niemand auf dem Panel dazu, diese Grundhaltung noch stärker zu hinterfragen, auch wenn da zig Zweifel angebracht wären - der Moderator mühte sich, die Diskussion schnell zu verschieben. Zu Leyla Piedayesh, welche die Exklusivität einer Modenschau schätzt, immer noch glaubt, dass in ihrer Show nur Fachpublikum (plus ihre 400 engsten Freunde) sitzen und die Bilder erst 7 Monate später veröffentlicht werden. Eine der von ihr gewünschten beratenden Koryphäen sollte ihr dann als erstes mal erklären, dass dieser klassische Weg schon lang nicht mehr gilt. Weiter zu Michael Werner, der findet Berlin sollte nicht so sehr auf ihre eigene Kreativität und mehr auf ihre Rolle als Plattform setzen.
Karl Heinz Müller merkte am Ende nochmal an, (und das war der spannendste Teil) dass ihm der Unterschied zwischen der Fashion Week, der Premium und der Bread&Butter äußerst wichtig ist, weswegen man zur Bread&Butter nur per BMW kommt. Auch ein gemeinsamer Termin interessiert ihn nicht, zukünftig sei es sogar besser, die Messe und die Shows getrennt zu halten. Seit der Rückkehr der Bread&Butter nach Berlin macht er seinen Termin, und alle anderen richten sich nach ihm. Im kommenden Januar findet die Fashion Week deshalb so früh wie noch nie statt... Vielleicht feiert die Bread&Butter ihre Jeansparty im Sommer dann schon im Juni. Wer weiß, ob IMG dann weiter auf Berlin setzt.

Überraschend, dass es am Ende doch noch zu einer Diskussion kam, denn das Panel war auf Konsens besetzt. Abgesehen davon, dass nur eine Frau in den Reihen saß, gab es zu wenig Reibungspunkte und zu wenig Unterschiede (drei Designer!) zwischen den Diskutanten, und leider auch zu wenige gute und mutige Fragen des Moderators. Gerne hätte ich da oben Tanja Mühlhans, die Senatsbeauftragte für Creative Industries und jemanden aus dem Einzelhandel gesehen.

Und ich hätte gern gewußt: warum zog die B&B 2005 von Berlin nach Barcelona, und warum kam sie wieder? (Dass das wohl vor allem an wirtschaftlichen Gründen und weniger an Heimatliebe lag, geht in all dem Home Coming Spektakel der Bread&Butter, die sich aufführt wie die vertriebene Tochter, immer wieder unter)
Warum zeigte Joop! an der letzten Fashion Week nicht?
Warum setzen die PR Agenturen so gern Soap-Schauspieler und Viva Moderatoren in die ersten Reihen?
Warum geht das mediale Interesse an der Berlin Fashion Week, selten über das Event und die B-Promis hinaus?
Ist dafür verantwortlich, dass es generell wenig journalistisches Umfeld für ernsthafte Modebesprechung in Deutschland gibt?

7 Kommentare:

blica said...

merci bien pour la zusammenfassung!

ann.charlotte said...

oh je...

diese ganzen wunderbaren diskussionsrunden.
michael sonntag durfte ich bei dem "fashion@society2 symposium erleben.
"woran denkst du wenn du entwürfst? was steht hinter deinen arbeiten?"
michael sonntag überlegte. die spannung steigt.
"eigentlich gar nichts." überspitztes, leicht arrogantes lachen.

ui. was für ein interessanter kerl.

was ist denn deine antwort auf die große (inhaltleere) frage des abends?

lg charlotte

Mary said...

ach, mich fragt ja keiner! (außer dir ;)

ann.charlotte said...

und was denkst du?

jetzt wo ich dich gefragt habe ;)...

elbnymphe said...

Mary, an dieser Stelle mal ein Kompliment: Dein Blog habe ich aus einem ganz abusrden, ganz privaten Grund für mich entdeckt, aber Deine kritische Stimme habe ich inziwschen sehr schätzen gelernt. Inzwischen halte ich es kaum noch aus, wenn ich traditionelle Modezeitschriften aufschlage und lese, wie hohle Jungredakteurinnen irgendwelche Trends in grauenhaftem Denglish wiederkäuen, ohne jemals kritisch, d.h. sowohl resepktlos als auch affirmativ, an Mode heranzugehen. Und jetzt kommst Du! :-)

Anonymous said...

nach solchen "events" steht dann wieder in der zeitung "in der berliner modeszene tut sich was..."rrrrrrrr.

Brandy Shaloo said...

Deine Fragen sprechen mir aus der Seele! :D Cooler Beitrag

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