Saturday, July 3, 2010

Ist es wirklich befreiend, ganz man selbst sein zu müssen?

Wenn die Brigitte nun vorgibt, dass Attraktivität nichts mit Traummaßen oder Schönheitsidealen, sondern allein mit "Persönlichkeit, mit Ausstrahlung, mit Leben" zu tun habe, dann bedeutet dies letztlich die Ersetzung der einen Norm durch die andere. Wo es früher vollkommen ausreichend war, äußeren Kriterien zu genügen, muss jetzt die ganze Person das in einer Celebritiy-Kultur ohnehin zur zentralen Wertung aufgestiegene Charisma verströmen. Dies entspricht dem aktuellen ökonomischen System, das noch das Persönlichste in die Verwertung mit einzubeziehen sucht.


aus: Isabelle Graw: Mode und Lebendigkeit. Ein Kommentar zur modelfreien "Brigitte". Texte zur Kunst. Nr. 78 (Juni 2010)

Der Brigitte Drops ist noch längst nicht gelutscht, Isabelle Graws Text schaut noch einmal aus einer anderen Perspektive auf das unsinnige (und ich glaube, anhaltende) "Experiment".

4 Kommentare:

teresa m. buecker said...

Die Brigitte ist auch nach der Umstellung ihrem Frauentyp, der definitiv eine Norm setzt, treu geblieben. Diese Frauen sind ununterbrochen fröhlich, voller Lebensenergie und kerngesund. Auch scheint mir die Auszeichnung der neuen Titelmodels mit einem Beruf einem gewissen Schema zu folgen. Selbstverständlich ist die Brigitte-Leserin Lehrerin, Psychologin, Innenarchitektin. Ob wir dort einmal eine Putzfrau sehen? Ein Call-Girl, eine Kassiererin? (Alles normale Frauen) Neben diesem Widerspruch zu "wir propagieren ein politisch-korrektes Frauenbild", dass der zweifelhaften Notwendigkeit nachgeht, *die besondere Risikogruppe der 30-45-Jährigen, die in Essstörungen und Selbstzweifel zerfallen könnten* anzusprechen, verstehe ich die Titelblattgestaltung nicht.

Als Frauenzeitschrift mit einer solchen Reichweite und dem selbst gesetzten Anspruch, sollte hier doch die Möglichkeit genutzt werden, als Qualitätsblatt eine eigene Stimme zu entwickeln. Die Lebenswelt der "modernen Frau" dreht sich mitnichten vorrangig um Problemzonen, das ist eine krude Abstraktion.

Zweifelsohne war und ist die Brigitte-Aktion eine Marketingmaßnahme. Dauerhaft wird sie keine neuen Leserinnen damit ansprechen können. Ich empfinde ein Titelblatt immer als Eintrittstor für das gesamte Heft und eine Auszeichnung für den zu erwartenden Inhalt. Hier bleibt die Brigitte blass. Das gelingt gelingt dem Missy-Magazin z.B. leider auch nicht, der Emma hingegen schon.

Ich bin kein Fan der Emma und lese nur sporadisch hinein, wenn sie bei uns in der Redaktion herumliegt, ich empfehle aber einen Blick auf die Titelseiten der letzten Jahre. http://www.emma.de/hefte/
Die Cover für sich genommen spannen ein weites inhaltliches Feld auf, dass auf den ersten Blick auch kein feministisches Blatt vermuten lassen würde. Die Emma hat in jüngerer Zeit sogar Männer auf das Titelblatt genommen. Ich kann mir an dieser Stelle kein weiteres Urteil über die Emma inhaltlich erlauben, ich finde es nur bemerkenswert, wie mutlos die Brigitte ist.

Isablle Graws Kritik trifft das Problem ziemlich genau. Die Brigitte hat keinen revolutionären Schritt getan, sie bleibt oberflächlich, unkritisch, konservativ und vermittelt kein förderliches Frauenbild.

Ich empfehle sehr, diesen Text zu lesen. Er hätte eine größere Bühne als "Texte zur Kunst" verdient. Ein Printmedium, dass Gesellschaftskritik in dieser Form und Länge aufnähme, fällt mir leider gerade nicht ein.

Mary said...

Vielen Dank für den ausführlichen Kommentar. Wieso (große) deutsche Zeitschriften sich generell durch Mutlosigkeit auszeichnen ist und bleibt mir auch ein Rätsel.

ANNA said...

Ich habe die neue Brigitte bisher nur einmal "ausprobiert" und konnte leider auch nur feststellen, dass man nun einem noch höheren Ideal nacheifern müsste, um mithalten zu können. Nicht sehr motivierend für mich...

Hey die dünnen Frauen, die die Brigitte jetzt abbildet wirken auf mich genau wie die Models, die sie vor der "grossen Veränderung" auch gebucht hätten. Und stammten zumal in meiner Ausgabe nicht aus Deutschland, sondern wurden in Miami oder Californien oder wo auch immer gecastet (Juni-Ausgabe). Da zücke ich das vernichtende Anti-Wort unauthentisch. Nun steht die deutsche Frau noch blasser da.

Ahja, Frauenzeitschriften. Für mich ein ewiges Leidthema...

eulen said...

schon länger keine brigitte mehr angeschaut... klar ist das ganze eine pr-masche und ich kann die einwände nachvollziehen. dennoch finde ich, dass brigitte dennoch wenigstens etwas "tut/ausprobiert", im gegensatz zu anderen frauen-zeitschriften, wobei ich zugeben muss, dass ich eigentlich gar keine mehr lese. lässt sich die mode-lifestyle-welt mit einem förderlichen frauenbild (was auch immer das heisst) überhaupt verbinden? vereinfacht gesagt, geht es doch u.a. darum, dinge zu zeigen, die wohl für 99% der leserinnen unerreichbar (modelfigur, superhappylife etc.), unbezahlbar und unnötig sind.

vielleicht sollte ich mal emma oder missy checken, oder gleich statt frauenzeitschrif texte zur kunst lesen. und danke an die kritischen bloggerinnen!

die mutlosigkeit der printmedien erklärt sich wohl durch profitdenken, kostendruck, anzeigen-hörigkeit, vermischung pr & redaktioneller inhalt, auflagenschwund usw.

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